Resilienz-Training: Handlungskompetenz durch Reenactment

 

Kapitulation ja,

Resignation nie,

Optimismus ungern,
Zuversicht immer!
           
Hanns Dieter Hüsch

 

Was ist Resilienz?

Allgemein gesprochen umschreibt ‚Resilienz‘ den erfolgreichen Umgang mit exogenen Störungen. Sie ist wissenschaftlicher Forschungsgegenstand in zahlreichen Disziplinen: in der Wirtschaft und Städteplanung wird sie beispielsweise im Zusammenhang mit der Krise analysiert. In der Medizin und Psychologie wiederum wird der gesunde Zustand in den Blick genommen; über die Beobachtung dessen, was ‚funktioniert‘ wird eine Salutogenese konstatiert. Dabei wird Resilienzforschung nicht nur inter- sondern auch transdisziplinär betrieben. Die Gemeinsamkeit aller Betrachtungswinkel ist die Analyse der Faktoren, die Einfluss nehmen auf die Anpassungsfähigkeit und erfolgreiche Bewältigung eines Individuums oder eines Phänomens.

In Übertragung auf die Biografie der menschlichen Persönlichkeit, bedeutet die Analyse des individuellen Resilienzprofils insbesondere das Herausarbeiten etablierter Reaktionsmuster und Verhaltensschemata im Verhältnis zur Krise. Dabei ist die Krise nicht auf ein schockartiges Erlebnis oder eine Traumatisierung beschränkt, es kann sich auch um einen schleichenden Wandel und eine konstante Verschlechterung der Umstände handeln. Bei einer Kombination von unterschiedlichen belastenden Einflüssen, also einer Verdichtung von herausfordernden Faktoren, kann ein bestimmter Belastungspunkt ebenso erreicht werden, ab dem subjektiv eine Krise empfunden wird. In der Forschung wird auch von sogenannten „tipping points“ (Kipp-Punkte) gesprochen.

 

Was ist Voraussetzung für ein „Training“?

Eben das Phänomen der Krise stellt unseren Arbeitsgegenstand dar. Die Psyche bildet in Reaktion auf Erfahrungen Verhaltensautomatismen aus, die zum Teil überlebenswichtig sind. Oft ist ihre Funktion überholt, und daher für die Gegenwart nicht mehr relevant. Erst die Fähigkeit der bewussten Wahrnehmung der Bewältigungsmuster macht einen Einfluss auf diese möglich.

Beispiel 1: Ein Kleinkind, das viel Einsamkeit erlebt hat, bildet eine Angst vor dem Alleingelassen werden aus, etabliert vielleicht in der Folge ein ausgeprägtes Autonomiebedürfnis. Weitere Reaktionen sind denkbar. Die akute Bedrohung des Verlassenwerdens ist im Erwachsenenalter möglicherweise verdrängt, das Verhaltensmuster, die Unabhängigkeit zu suchen, hat somit die Funktion, die Angst in einer unbewussten Schwebe zu halten. Solange dieser Mechanismus unbewusst wirksam ist, wird er sich kaum verändern.

Beispiel 2: Nach einem Armbruch wird eine schonende und schützende Körperhaltung eingenommen, die noch über den Heilungsprozess hinaus beibehalten wird. Die Bewegungsfigur ist nun überflüssig. Das Bewusstsein kann nun dahin gelenkt werden, dass das Verhaltensmuster nicht mehr gebraucht wird und in dieser Weise konsequent abtrainiert werden.

Es geht also darum, eine Reflexionsebene zu erreichen: Die Bestimmung von herausfordernden Umständen, Krise und Schock und die Definition von einer erfolgreichen Verarbeitung, sind die entsprechenden Arbeitsschritte.

 

Womit WIR praktisch arbeiten

Wir gehen von der Grundannahme aus, dass wir alle resilient sind. Resilienz ist unser ausgeprägter Überlebenswille, der den kreativen Umgang mit widrigen Umständen bewirkt.

In Abgrenzung von der ursprünglichen Wortbedeutung, betonen wir nicht den Aspekt der Widerstandskraft, sondern den Anpassungs- und Erweiterungscharakter von Resilienzdynamiken.
Das Bild ist also nicht das des Stehaufmännchen, das nichts dazu gelernt hat und im nächsten Moment wieder umgenietet wird.

Wenn wir unsere Bewältigungsstrategien analysieren, stellen wir folgende Fragen: 

wie verhalten wir uns in der Krise und wie danach?

wie reagieren wir spontan?

tendieren wir dazu …    

Widerstand zu bieten / uns zu wehren?

unfähig zu sein zu reagieren? / in den Schock zu gehen?

uns zu bestrafen?  uns zu belohnen?  uns zu schonen?

wie reagieren wir etwas später?

neigen wir dazu…  uns in Arbeit zu stürzen? den Rückzug zu suchen?

Gibt es mehrere Phasen meines Verhaltens und welche Reihenfolge haben die einzelnen Phasen?

Wie nimmt die langfristige Wirkung einer Krise Einfluss auf mein Verhalten?

Wie integriere ich eine schwierige Lebensphase in meine Biografie?

Die Erfahrung der Selbstermächtigung und das Erleben von Selbstbestimmtheit überlagern die Ohnmachtserfahrung. Dabei gilt es individuelle Hilfestellungen für das alltägliche Resilienz-Training und  Faktoren, die resilienzfördernd wirken herauszuarbeiten. 

 

Oftmals ist die Krise oder das Problem in unserem Kopf sehr viel größer, als es sich tatsächlich in der Gegenwart verhält. Unsere Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments lässt uns Abstand von unseren beängstigenden Gedanken nehmen. Indem wir weniger grübeln, sind wir viel reaktions- und handlungsfähiger. Dazu hilft es uns, genau wahrzunehmen in welchem Umfeld wir uns befinden und wie unser körperliches Empfinden dabei ist.

 

Literatur:

Rüdiger Wink (Hrsg.): Multidisziplinäre Perspektiven der Resilienzforschung, Wiesbaden 2016.

Victor E. Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 2015.

 

 

Hier als Beispiel der Bericht einer Teilnehmerin unseres Workshops für Medizinstudierende der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf:

 

So schnell kann alles vorbei sein... 

In den Semesterferien absolvierte ich ein vier wöchiges Praktikum in der Notaufnahme unserer Uniklinik. Direkt an meinem zweiten Tag fand ich morgens eine Leiche im Schockraum vor. Es war ein junger Mann, Anfang 30, der mit seinem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit tödlich verunglückte - offenes Schädelhirntrauma - Reanimation erfolglos - sein Gehirn quoll aus seinem Schädel heraus. Blass, Kalt, alles Leben aus seinem Körper entwichen, der Geruch von Tod lag in der Luft… Nun war es gemeinsam mit einer Assistenzärztin meine Aufgabe die Leichenschau durchzuführen und sichere Todeszeichen festzustellen. Als wir gerade beginnen wollten, übergab ein Polizist mir eine Plastiktüte mit dem Ehering des Verstorbenen und sagte mir, dass seine Ehefrau noch nicht informiert war. Ich fröstelte am ganzen Körper. 

Sicher war dies nicht meine erste Leiche, die ich innerhalb meines Studiums gesehen habe. Trotzdem fällt es mir immer wieder sehr schwer den nötigen Abstand zu gewinnen, da mir Patientenschicksale generell sehr nah gehen. 

Und gerade dieser junge verunglückte Fahrradfahrer beschäftigt mich bis heute noch oft und unsere Begegnung führte dazu, dass ich viel über mein eigenes Leben nachdachte. 

Wahrscheinlich ist er wie viele Menschen jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, stand mitten im Leben, Frau, Kinder, war vielleicht mit seinen Freunden am Abend verabredet - und plötzlich - ein unaufmerksamer Moment, ein abgelenkter Autofahrer und sein Leben war von jetzt auf gleich vorbei.

Dieses prägende Ereignis führte mir nochmal mehr vor Augen, dass unser Leben endlich ist - eine Tatsache, die wir Menschen glaube ich oft verdrängen...  Wenn ich jetzt in schwierige Momente gerate, seien es kleine oder große „Krisen“ habe ich mir vorgenommen, dass ich diese in Relation zu wirklich schweren Schicksalen setze. Ich denke, dass mir „Probleme“ in meinem Leben oft subjektiv in meinem Kopf größer erscheinen als sie objektiv betrachtet sind. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass ich in Momenten der Verzweiflung einen Schritt zurücktrete, die Situation vielleicht auch mit neutralen außenstehenden Personen analysiere, vernünftig gewichte, Prioritäten setze, dadurch wieder handlungsfähig werde und Lösungsansätze finde, Probleme zu bewältigen - vorallem aber mit Gedanken an den verstorbenen Radfahrer immer wieder versuchen den Moment zu genießen. Ziele im Leben sind wichtig, dennoch sollte man vielleicht noch mehr versuchen im Hier und Jetzt zu leben, für mich Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, weil man nie weiß, was im nächsten Moment passieren wird.

Rückblickend hat es mir sehr geholfen, die Szene nochmal offen mit der Gruppe zu rekapitulieren. Auch wenn ich zu Anfang ehrlich gesagt etwas überrumpelt war, als ich unerwarteter Weise gebeten wurde meine persönliche Geschichte der Gruppe mitzuteilen und anschließend selber Regie zu führen, war ich am Ende froh, mich auf die Herausforderung eingelassen zu haben. Sich nochmal bildlich vor Augen zu führen, was genau an dieser Situation so belastend für mich war, half mir überhaupt einmal über Lösungsansätze nachzudenken. Anschließend eine neue Szene zu kreieren, die viel mehr meiner Vorstellung eines würdevollen Umgang mit dem Tod entspricht, zeigte mir, dass es sehr wohl zumindest in meinen Gedanken eine Möglichkeit gibt diese schwierige Situation für alle und insbesondere für mich persönlich angenehmer zu gestalten. Auch wenn ich in diesem konkreten Fall als Praktikantin wahrscheinlich noch nicht in der Position bin, die Rahmenbedingungen großartig zu verändern, möchte ich versuchen als fertige Ärztin später meinen Standpunkt und Verbesserungsvorschläge offen zu kommunizieren und umzusetzen. Ich hoffe damit dann einen Teil dazu beitragen können Settings zu schaffen,  in dem jeder (Lebende und Tote) respektiert werden, sodass es jedem leichter fällt damit umzugehen.

Die Methode des Reenactments könnte einem vielleicht auch helfen, mit anderen schwierigen Situationen besser umzugehen. Aus dem Feedback Gespräch mit euch habe ich mitgenommen, dass ich mir um alle Herausforderungen des Lebens meistern zu können, trotz meiner Begeisterung für viele Dinge und meinem Enthusiasmus Dinge voran zu bringen, auch mal Momente der Ruhe gönnen muss, um wieder Kraft zu tanken. Man muss akzeptieren, dass es Momente im Leben gibt, in denen man gerade mal nichts machen kann und auch mal zulassen muss, dass eine Situation gerade für einen persönlich „scheiße“ (wie Arndt passend ausdrückte :D) ist. Ich möchte der „Creator“ (wie ihr mich genannt habt) meines Lebens sein und bleiben und weiterhin JA sagen - Ja zum Anfang des Lebens, zum Leben selber, aber, auch wenn es vielleicht schwer fällt und es einem manchmal Angst bereitet, JA zum Ende des Lebens - wenn möglichst mit einem Lächeln im Gesicht.