Das Schauspielstudium

Schauspielen ist wie ein Muskel,der trainiert werden muss. Ein  Sportler sorgt für Ausdauer, Kraft, Flexibilität und Schönheit. Ein Musiker übt täglich sein Instrument. In der Ausbildung muss der Schauspielschüler sich und sein „Instrument“ zuerst kennen- und dann benutzen lernen. Körper, Geist, Seele, Gefühle, Ausdruck und Sprache sind dem Studenten natürlich schon bekannt. Aber er und sie wissen noch nicht damit zu spielen, oder es gezielt einzusetzen und damit zu arbeiten.

Wir sind alle verschieden. Es gibt unterschiedliche Historien und mannigfaltige Lebenskonzepte und -ziele. Körperbau und Physiognomie sind anders. Deswegen möchte ich erstmal die Schüler/innen kennenlernen. Mir geht es darum zu helfen. Ich benutze Spiele und Improvisationen, damit ich Stärken und Schwächen erkenne. Ich beobachte die Schüler genau. Die ausgeprägten, kräftigen Seiten versuche ich zu unterstützen, und in den schwachen Momenten Hilfe zu bieten. Es ist alles ein Prozess, für den der Schüler bereit sein muss, und es braucht Zeit, das Erlernte kennenzulernen und umzusetzen.

Die Schüler sind sich ihres eigenen Leibs und seiner persönlichen Wirkung zumeist wenig bewusst. Der individuelle Ausdruck, Sprachduktus und Körpersprache werden nicht realistisch wahr genommen, sondern hauptsächlich aus einer geistigen Idee vom Selbst gezeichnet. Es ist darum wichtig in der Ausbildung, Möglichkeiten zu entwerfen, sich selbst kennen zu lernen, um dann bewusster und gezielter mit sich umgehen zu können und gleich einem Puppenspieler in der Lage zu sein, die „Marionette“ zu führen, aber auch für sie zu denken und zu empfinden.

Überhaupt ist es mein größtes Bestreben, dass der Schüler vom Kopf in den Körper kommt. Ich benutze dafür gern Michael Tschechows Übungen zum „Imaginären Zentrum“ und den verschiedenen „Charakteren“, die er entworfen hat. Die Methode hat sich weiter entwickelt, und es gibt noch mehr Möglichkeiten als Tschechow sie beschrieben hat. Es bietet eine Menge Werkzeug um sich einer Figur körperlich anzunähern. Und allein durch die Konzentration und Vorstellung können körperliche und geistige Zustände dargestellt werden, die vielleicht sonst dem Schauspieler gar nicht zur Verfügung stünden.

Auch finde ich das von Jens Roth erfunden Source Tuning sehr wirkungsvoll. Schon nach kurzer Zeit wird einem klar, dass das Körpergedächtnis unendlich groß ist, und dass man sich auf den eigen Körper unbedingt einlassen und auf ihn hören sollte. Kraft und Energie wird dabei frei gesetzt und kann herrlich für die Arbeit genutzt werden.

In der Arbeit am Stück oder Drehbuch sollte der Schauspieler wie ein Regisseur oder Dramaturg, das Ziel seiner Figur herausfinden. Das gelingt natürlich nur schwer, da der Schauspieler natürlich die ganze Geschichte subjektiv aus der Sicht seiner Figur betrachtet und eine gesunde Objektivität verliert. Um die Ziele und Bedürfnisse der Figuren zu erkennen, benutze ich die Methoden von der amerikanischen Schauspiellehrerin Ivana Chubbuck und meinem geschätzten Lehrer Eric Morris. Wenn das Geschehen ist, kann man für jede einzelne Szene das Ziel der Figur definieren. Dabei helfe ich dem Studenten im Gespräch interessante, spannende aber auch realistische Lösungen zu finden. Wir tragen einen großen Schatz an Erfahrungen mit uns auch als junger Mensch, den man als angehender Schauspieler zu nutzen lernen muss. Meistens denken sich die Schüler komplizierte Lebensläufe und Lebensziele für die Spielfiguren aus. Die oft sogar nicht spielbar sind. Da ist es die Aufgabe des Lehrers mit dem Schüler konkrete, zielgerichteten, einfache Ziele und Aufgaben für den zu spielenden Charakter zu finden, mit denen der Schüler sich emotional und  sinnlich identifizieren und verbinden kann.

Eins meiner wichtigsten Werkzeuge sind die Subpersonalities. Schon C.G.Jung hat beschrieben, dass der Mensch aus Teilpersönlichkeiten besteht. Die Psychologen Hal & Sidra Stone haben eine Methode entwickelt mit den Unterpersönlichkeiten über ein Gespräch (sie nennen es voice dialog) in Kontakt zu treten. Da sind der Beschützer, der Kontrolleur, das Verlangen. Sie sind ein Teil von uns und bieten unter anderem im psychologischen Spiel vor der Kamera ganz großartige Möglichkeiten.

Der Schauspiellehrer und Buchautor  Eric Morris hat zu mir gesagt: Der Schauspieler braucht einen sicheren Ort zum Experimentieren. Das versuche ich immer wieder herzustellen. Ich leite seit drei Jahren eine Trainingsgruppe für ausgebildete und sich in der Ausbildung befindende, weil ich es für so wichtig halte zu trainieren, auszuprobieren und Neues zu lernen. Dabei ist es mir, wie auch in meinem Unterricht sehr wichtig wie man miteinander umgeht. Im Theater und beim Film sind wir ein Ensemble, und nur zusammen sind wir gut. Bei der Kritik versuche ich immer zuerst das positive zu finden, um dann später vielleicht durch Fragen mit der Schüler/in rauszufinden, wo es noch Potential für mehr gibt. Als Regisseur habe ich gelernt, dass es dem Produkt nicht hilft, einen verunsichert, nervösen Schauspieler zu haben.

Zum Schluss finde ich es neben dem Handwerk ausschlaggebend wie es um die persönliche Einstellung bestellt ist. Eine negative Persönlichkeit wird sich natürlich immer vollkommen im Weg stehen. Darum ist mir das persönliche Kennenlernen so wichtig. Natürlich kann man niemand zu seinem Glück zwingen. Aber ich bin mir sicher, dass man aber versuchen kann dem Reiter aufs Pferd zu helfen. Wenn man seine persönliche Situation positiv verändert, wird sich das auch positiv auf den schauspielerischen Erfolg auswirken. Probleme beim Schauspielspielen sind oft Probleme im eigenen Leben.

Unterricht und Training

Eine Gruppenstunde beginne ich mit mit einem Aufwärmen. Zum Beispiel stehen wir im Kreis, um durch Körperübungen und Einsprechen Kopf, Geist, Seele, Leib und Stimme wach und warm zu bekommen. Oder wir beginnen mit dem „personal inventory". Eine ruhige Übung zur Schärfung der fünf Sinne. Am Ende befragt man sich mehrmals „wie fühle ich mich“, um Klarheit über den eigenen, momentanen Zustand zu gewinnen. Die Schüler haben damit Zeit, den Alltag abzuschütteln und in der Probe  anzukommen. Jeder ist nervös oder hatte vielleicht irgendwo Stress oder Ärger an dem Tag und braucht Zeit und Konzentration für eine Transformation in eine konzentrierte Probe. Vielleicht beginne ich auch mit einer Meisnerübung oder etwas anderem. Eine andere Meisnerübungen, die ich auch gern verwende ist  zum Beispiel das sogenannte „Klopfen“.
Ich entscheide das je nachdem , was ich glaube, was die Gruppe gerade braucht.

Der zweite Punkt ist eine Übung, zum einen schauspielerischen Handwerkszeug. Wir machen Übungen zu Tschechows „Imaginärem Zentrum“ und probieren damit zu improvisieren. Wichtig ist für den Studenten Erfahrungen machen zu können, ohne schon unter Erfolgszwang zu stehen. Die Schüler/innen wollen immer gut sein und Erfolg haben. Es benötigt seine Zeit, zu Lernen offen zu bleiben und die Momente und Gegebenheiten als Erfahrungen zu nehmen. Zum Beispiel gebe ich eine Improvisation vor mit unterschiedlichen „imaginären Zentren“. Ich sehe, wie eine Schülerin damit beschäftigt ist wie die Szene läuft und das Publikum reagiert. Dann unterbreche ich, und bitte sie sich nur auf die Aufgabe zu konzentrieren, die ich ihr gegeben habe, in ihrer Konzentration zu bleiben und sich vorzustellen, daß aus ihrer Schädeldecke helle, bunte Funken sprühen. Tut sie es dann, wird sie am Ende etwas gelernt haben oder wenigstens am Anfang eines Weges oder Erfahrung stehen.

Dann beginne ich mit der Probenarbeit. Es sollen immer alle zugucken, weil dabei viel gelernt werden kann. Ich sehe mich dabei als helfende und unterstützende Kraft. Ich versuche, dem Schüler und der Schülerin in ihren Entwicklungen unter die Arme zu greifen.
Geht es darum ein ganzes Stück oder einen Film zu machen, finde ich es am Wichtigsten herauszufinden, was das Ziel der Figuren ist. Hat man das entdeckt, findet sich alles andere fast wie von selbst. Meistens dauert es aber bis man es wirklich genau weiß.
Als nächstes gilt es zu ermitteln, was das Ziel der Figur in der einzelnen Szene ist. Dann soll geprobt und gespielt werden. Anhand der Probleme, die dabei auftauchen, versuche ich Lösungswege zu finden, die den Schüler/innen helfen, die Situation zu verstehen und zu meistern.

Die Einzelarbeit beginne ich immer mit einem Gespräch. Ich stelle zwei Stühle in die Mitte des Raumes, sodass man mit zwei Meter Entfernung voreinander sitzt. Die Füße auf dem Boden und die Beine geöffnet und parallel. Mir ist eine gute empathische Stimmung und Haltung sehr wichtig, weil ich in diesem Gespräch sehr viel erfahre, was für die weitere Arbeit wichtig ist. Die individuelle persönlichen Erlebnisse und Geschichten helfen immer, sich Figuren und Charakteren anzunähern, die gespielt werde sollen. Natürlich probe ich auch sehr gern. Aber die Erfahrung hat mir gezeigt, dass im Gespräch viel zu erkunden ist.
Ich benutze dann sehr gern das „source tuning“, um unbewußte Körpererfahrung kennenzulernen und dem Körpergedächtnis Platz zu geben. Es ist eine Methode, die die Körperenergien befragt, und die ich sehr schätze. Und wenn ich Schüler schon etwas kenne und glaube, daß es für sie richtig ist, befrage ich ihre „subpersonalities“. Das ist oft eine sehr intensive Erfahrung, deswegen wende ich es meistens in einer unbemerkbaren Weise an, sodass es die Schüler nicht mitbekommen. Ich selber habe dadurch schon viel über mich gelernt und schätze es sehr. Die Methode basiert auf C.G. Jungs Idee zu dem Über-Ich und Unterpersönlichkeiten wie zum Beispiel dem “Beobachter“.

Im Spiel und bei der Aufführung muss der Spieler alle Vorübungen vergessen, sich im Moment befinden und sich auf die Situation einlassen. Das ist der Idealzustand. Der „Beobachter“ in uns schaut zu und hilft die richtige Richtung einzuhalten und die Kontrolle über das Spiel zu behalten. In Situationen von Unsicherheit, Neuorientierung oder ähnlichen kann aber jederzeit auf das benutzte Probenwerkzeuge zurück gegriffen werden. Wenn es um pschychologisches Spiel geht soll es für den Zuschauer so wirken als wäre es jetzt in diesem Moment entstanden und real. Es gibt natürlich unterschiedliche Formate wie Film, Theater, Hörspiel, Kömödie, Klassiker, französische, englisches, deutsches, amerikanisches Theater und Literatur, Shakespeare, Brecht und noch viel mehr, die unterschiedlich bedient werden müssen. Jeder Form wird man sich neu und anders nähern müssen, um eine Umsetzung zu finden.

Zum Schluss mache ich einen Gesprächskreis. Dort soll Erlerntes weiter gegeben, Missverständnisse aus der Welt geschaffen, Ärger beseitigt und Freude geteilt werden. Fragen, Probleme oder Verärgerung können dann geklärt werden, oder ich kann mir etwas für das nächste Mal überlegen. Ich empfinde mich selbst immer noch als Schüler, und bin sehr dankbar dafür unterrichten zu dürfen, weil ich dabei selber so viel lerne.

Die Technik

Ich habe mich in meiner 30jährigen Berufserfahrung mit den Techniken von Ivana Chubbuck, Michael Chechov, Stanford Meisner und Eric Morris beschäftigt. Darüber hinaus arbeite ich mit Improvisation, Subpersonalities, Jens Roths Source Tuning und den Mitteln des Life- und Success-Coachings.

 

Aus dieser Vielfalt habe ich zwei eigene Richtungen entwickelt. In Zusammenarbeit mit Liza Reichardt für jedermann die "Resilienz durch Reenactment". Und in Zusammenarbeit mit Darius Sobhan-Sarbandi für Schauspieler/innen das "open source acting".